Übergewicht und Fettsucht —— was können wir vorbeugend dagegen tun
Die stark ansteigende Häufigkeit von Übergewicht und Fettsucht ist ein gesellschaftliches
Phänomen, welches auch Kinder und Jugendliche betrifft. Trotz alarmierender Zahlen ist es aber
bisher weltweit nicht gelungen, die Entwicklung aufzuhalten.
Übergewicht und Fettsucht ist das Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen Mensch und einer
potentiell krankmachenden Lebenswelt.
Unsere Lebenswelt begünstigt und verfestigt heute gesundheitlich riskante Lebensstile.
Die Marketingstrategien großer Lebensmittelkonzerne (z.B. die Softdrink Industrie) nutzt die
Anfälligkeit der Verbraucher aus.
Demgegenüber sollte es das zumindest moralische Anliegen von Unternehmen und Industrie sein,
die Bevorzugung für „gesunde“ Lebensmittel und „gesunde“ Lebensstile zu stärken.
Das Gebot an Unternehmer und auch Politiker lautet: Verantwortung für die Gesundheit von
Kindern und Jugendlichen wahrnehmen, sich erklären und Rechenschaft ablegen.
Natürlich liegt die Verantwortung für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, sowie für uns
selbst, nicht nur bei anderen. Jeder von uns sollte kritisch den eigenen Lebensstiel überdenken.
Wir leben in einer Welt des Überflusses. Bei einem Gang durch einen Supermarkt wird uns dies
besonders klar: es findet sich ein Überangebot von häufig (zu) preiswerten Lebensmitteln. Nahezu
alles ist verfügbar, jeder Wunsch kann erfüllt werden, Begehrlichkeiten werden durch wunderbare
Gerüche und schönes Aussehen von Lebensmitteln geweckt. Wer will da widerstehen?
Derzeit werden von der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie „Lebensmittelenergien “
produziert, welche mehr als 30 % über unserem biologischen Energiebedarf liegen.
Weltweit haben wir heute pro Tag und pro Kopf der Weltbevölkerung circa 5000 kcal Nahrung zu
Verfügung. Das ist mehr als das Doppelte dessen, was wir brauchen!!!
In dem wir aber große Mengen Fleisch verzehren und für dessen Produktion zwischen drei- und
achtmal so viel Getreidekalorien verfüttern wie hinterher an Fleischkalorien rauskommen,
vermindern wir diese Erntemengen drastisch.
Naheliegende Folge des Überangebots von Lebensmitteln (und auch andere Verbrauchsgüter)
sind ein hoher Konsum: wir essen zu viel und bewegen uns zu wenig. Ergebnis: als Gesellschaft
werden wir immer dicker und kränker. Übergewichtige Kinder und Jugendliche haben eine
verkürzte Lebenserwartung, erhöhte Risiken Bluthochdruck, Herz Kreislauf Erkrankungen,
Verfettung der Leber und Diabetes mellitus zu entwickeln. Sie erleiden häufiger soziale
Benachteiligung und Stigmatisierung.
Um zukünftig eine Welt mit weniger übergewichtigen Kindern und Jugendlichen zu verwirklichen,
muss aber das Prinzip der Eigenverantwortung um die Verantwortlichkeit der Gesellschaft ergänzt
werden. Wie so etwas aussehen könnte, zeigen uns zum Teil schon andere Staaten.
So dürfen zum Beispiel in Chile seit Anfang Juli 2016 Süßigkeiten mit einer Spielzeugbeigabe im
ganzen Land nicht mehr verkauft werden. Überraschungseier von Ferrero und Kinder Menü von
McDonald’s sind jetzt also illegal. Die Neuregelung legt außerdem fest, welche Lebensmittel als
gesundheitsschädlich gelten. Alle, die pro 100 g mehr als 400 mg Salz, 4 g gesättigter Fettsäuren,
275 cal oder 10 g Zucker enthalten, müssen gut sichtbar mit Warnhinweisen gekennzeichnet sein.
An Schulen dürfen sie nicht verkauft oder beworben werden.
In Deutschland hat sich der Zuckerkonsum in den letzten 50 Jahren verdreifacht, die Zahl der
Diabetis erkrankten Menschen beträgt 6 Millionen. Wobei 95 % aller Diabetiker einen Diabetes Typ
2, einen so genannten „Altersdiabetes“ haben, der immer weniger mit hohem Alter zu tun hat, als
viel mehr mit der Tatsache die Bauchspeicheldrüse durch eine Dauerbelastung in den
Erschöpfungszustand zu treiben.
Schon im Kindesalter lernen wir die Droge Zucker kennen und lieben.Wir essen Cornflakes mit
Erdbeerjoghurt, trinken Obstsaft, naschen Fruchtriegel. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Und
überall ist Zucker drin. Der Geschmackssinn wird verklebt, weil der Zuckerzusatz alles übertüncht.
Zucker ist billig und wird 2017 noch billiger werden, weil die EU Zuckermarktordnung ausläuft.
Die WHO hat bereits 2015 neue Empfehlungen für Zucker herausgegeben: demnach sollte von der
Gesamtenergiemenge, die wir zu uns nehmen, weniger als 10 % aus Zucker stammen, noch
besser wären weniger als 5 %. Momentan nehmen wir doppelt so viel zu uns.
Auch in Deutschland empfiehlt der Bundesrat schon seit Jahren, Zucker in Lebensmitteln stärker
zu reduzieren. Aber leider arbeiten die Lobbyisten der “ Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker“
dagegen an. Im November 2015 verschickten Sie an alle Abgeordneten einen Brief, in dem
behauptet wurde, Zucker mache nicht dick. Leider erinnert das auf beschämender Weise an die
Tabaklobby, die sich in den sechziger Jahren auch lange sträubte, wissenschaftliche Erkenntnisse
zur Kenntnis zu nehmen.
Inzwischen gibt es zahlreiche Fachgesellschaften und Institutionen, welche sich dem Kampf gegen
Krankheiten wie Fettsucht, Diabetes und Herz- Kreislauf Erkrankungen verpflichtet haben. Im
Hinblick auf die Vorbeugung von Übergewicht und Fettsucht bei Kindern und Jugendlichen lauten
die konkreten Forderungen wie folgt:
1) Täglich mindestens 1 Stunde Bewegung (Sport) in Kitas und Schulen
2) Fett- und krankmachende Lebensmittel höher besteuern und gesunde Lebensmittel entlasten
(Zucker/ Fettsteuer)
3) Einführung verbindlicher Qualitätsstandards für die Kita- und Schulverpflegung
4) Verbot von an Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung
Quellen:
1)Vortag von Prof. Müller aus Kiel zur Adipositasprävention im Kindes- und Jugendalter.
2) Greenpeace Magazin Essen Spezial.
3) „Wunder wirken Wunder“ von Eckart von Hirschhausen